Weißstorch – Glücksbote und Segelflieger
Kaum ein Vogel ist so bekannt und unverkennbar wie der Weißstorch. Weil er im Nest über ein typisches, hölzernes Klappern kommuniziert, wird er im Volksmund auch Klapperstorch genannt. Seine Nester auf Kirchtürmen, Dächern oder Schornsteinen werden häufig als gutes Zeichen angesehen, er gehört zu den beliebtesten Vögeln. Gleichzeitig ist er sehr gut erforscht, es wurden bereits 1934 flächendeckende Storchenzählungen durchgeführt. So ist auch dokumentiert, dass seine Bestände zunächst jahrzehntelang dramatisch gesunken sind – und sich zuletzt erfreulicherweise wieder erholt haben.
Merkmale
Weißstörche (lateinisch: Ciconia ciconia) sind imposante Erscheinungen mit einer Körpergröße – stehend – von bis zu 110 Zentimetern und einer Flügelspannweite von bis zu 217 Zentimetern. Sie wirken erhaben und elegant, da sie bei der Nahrungssuche aufrecht und mit geradem Hals über Wiesen und Weiden schreiten. Und auch ihr Flug beeindruckt, denn sie fliegen langsam und ruhig durch die Lüfte, dabei strecken sie Hals und Beine lang aus. Charakteristisch ist ihr Segelflug mit unbewegten Flügeln.
Beine und Schnabel sind auffallend rot, das Gefieder weiß, Teile der Flügeloberseiten sind schwarz. Störche können mit bis zu 39 Jahren sehr alt werden.
Lebensraum und Nahrung
Zu den Verbreitungsgebieten der Weißstörche gehören Europa, Westasien und Nordafrika. Sie sind in verschiedenen Lebensräumen anzutreffen, bevorzugen jedoch abwechslungsreiche, offene Kulturlandschaften mit Feuchtgebieten. Dazu gehören Feuchtgrünland, Fließgewässer, Flussniederungen und Auen sowie Wiesen und Weiden.
Gebiete, in denen es dauerhaft nass und kalt ist, mögen sie nicht, da sich beides auf den Bruterfolg auswirken kann. Als Langstreckenzieher verbringen sie den Winter in Afrika. Dabei umfliegen sie das Mittelmeer, weswegen zahlreiche Exemplare über Gibraltar und am Bosporus vorkommen.
Ihre großen Nester aus Zweigen sind vom Boden aus gut zu erkennen. Man sieht sie häufig auf Schornsteinen, Dächern, Masten oder Kirchtürmen, manchmal auch auf Bäumen.
Zu der bevorzugten Nahrung von Weißstörchen gehören Kleinsäuger, z. B. Mäuse, Frösche und größere Insekten. Aber auch Regenwürmer, Reptilien, Fische sowie Eier und Küken von anderen Vögeln verschmähen sie nicht. Sie nutzen dafür – je nach Beute – verschiedene Jagdtechniken: Beim Schreiten über Wiesen und Weiden richten sie den Kopf nach unten, um Würmer und Insekten zu fangen. Auf Mäuse warten sie regungslos – und schnappen dann plötzlich zu.
Lebensweise und Fortpflanzung
Die Langstreckenzieher kehren zwischen Ende Februar und Anfang April in ihre Nistreviere aus dem Vorjahr zurück. Weißstörche sind monogam mit langer Orts- und Partnertreue.
Die Männchen treffen häufig zuerst ein und suchen sich die besten Reviere aus. Folgt ihr Partner, begrüßen sie ihn mit einem lauten und rhythmischen Klappern. Das Paar kümmert sich gemeinsam um die Bau- und Renovierungsarbeiten – entweder es baut das neue Nest aus Zweigen auf oder es bessert es so aus, dass es wieder nutzbar ist. Das ist recht arbeitsintensiv, denn die Nester – auch Horste genannt – können einen Durchmesser von zwei Metern und eine Höhe von drei Metern haben!
Nach der Paarung legen die Weibchen in der Regel drei bis fünf Eier; Männchen und Weibchen wechseln sich bei der Brut etwa 29 bis 34 Tage ab. Nachdem die Jungen geschlüpft sind, werden sie etwa einen Monat lang im Wechsel von ihren Eltern gehütet, nach zwei Monaten werden sie flügge. Auch dann werden sie noch einige weitere Wochen von ihren Eltern mit Nahrung gefüttert. Mit etwa zweieinhalb Monaten sind die Jungvögel selbstständig, mit drei bis bis fünf Jahren werden sie geschlechtsreif.
Gefährdung und Gefahren
In der Forschungsliteratur ist kaum ein anderer Vogel so gut dokumentiert wie der Weißstorch. Seit fast 100 Jahren gibt es laut NABU umfassende Untersuchungen zur Bestandsentwicklung. Während 1934 rund 9.000 Weißstorchenpaare gezählt wurden, waren es 1988 gerade mal noch 2.949. Zum Glück geht es seitdem wieder bergauf: 1994 waren es schon wieder 4.155 Paare, 2019 insgesamt 7.532 und 2023 wurden stolze 12.000 Paare gezählt.
Der massive Rückgang der Bestände wurde im letzten Jahrhundert durch intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden verursacht. Strengere Vorschriften ermöglichten hier die Erholung, die Gefahren sind jedoch laut WWF immer noch zahlreich: Ursachen liegen in der Entwässerung von Feuchtgebieten und deren Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzflächen. Beides führt dazu, dass der Storch dort kaum noch Nahrung findet. Ein massives Risiko geht auch von Strommasten und -leitungen aus.
Der Zug in die Winterquartiere und zurück ist ebenfalls gefährlich, da Weißstörche in einigen Ländern auf dem Weg gejagt werden. Insbesondere Tiere aus der osteuropäischen Population, die über den Bosporus und den Nahen Osten nach Afrika fliegen, fallen in großer Zahl Wilderern zum Opfer.
Auch Plastik in der Umwelt ist nicht zu unterschätzen. Weißstörche fangen scheinbare „Regenwürmer“ – eigentlich Gummifäden – und tragen diese in ihre Nester zu den Jungvögeln. Dort füttern sie diese mit dem Nahrungsbrei, der jedoch unverdaulich ist und die Tiere mit vollem Magen verhungern lässt. Gleichzeitig können die Partikel zu Darmverschlüssen und inneren Verletzungen führen.