Europäische Sumpfschildkröte – zwischen Wasser und Sonne
Wie so oft hat der Mensch es auf die Spitze getrieben. Im Mittelalter wurde die Europäische Sumpfschildkröte in großen Mengen gefangen, Markthändler verkauften laut BUND e.V. „ganze Pferdefuhrwerke“ davon. Besonders der Markt in Speyer galt als Umschlagplatz für Sumpfschildkröten. Das Volk schätzte sie als Fastenspeise, am Hofe waren sie später eine gern servierte Delikatesse. Die wenigen natürlichen Populationen leben heute nordöstlich der Elbe; durch die Land- und Forstwirtschaft sowie die Trockenlegung von Sümpfen und Feuchtgebieten haben sie es jedoch schwer und stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.
Merkmale
Europäische Sumpfschildkröten (lateinisch: Emys orbicularis) sind so genannte wechselwarme Tiere, sie lieben Wärme und Sonnenbäder. Man sieht sie deshalb häufig auf Baumstämmen, die aus dem Wasser ragen. Zu nah heranwagen sollte man sich jedoch nicht: Sie gelten als äußerst scheu und flüchten bei Störungen unter die Wasseroberfläche. Die Zehen sind durch Schwimmhäute verbunden, so dass sie sich flink unter Wasser fortbewegen können.
Weibliche Tiere erreichen eine Panzerlänge von bis zu 20 Zentimetern und ein Gewicht von maximal 1.250 Gramm, männliche Tiere sind in der Regel etwas kleiner. Kopf, Gliedmaßen und Schwanz können sie vollständig unter ihrem Panzer verschwinden lassen. Sumpfschildkröten können bis zu 100 Jahre alt werden.
Der Panzer der Europäischen Sumpfschildkröte ist meist auffällig mit gelben Punkten oder Strichen auf dunklem (rostbraun, olivbraun oder schwarz) Grund gezeichnet. Auch Kopf, Hals, Schwanz und Weichteile sind gemustert, mit gelben Punkten, Linien oder Flecken auf Dunkelbraun oder Schwarz. Jungtiere tragen einen deutlichen Mittelkiel auf dem Rücken.
Lebensraum und Nahrung
Die Europäische Sumpfschildkröte ist die Sumpfschildkröte, die am meisten verbreitet ist. Zu ihren Lebensräumen gehören Nordafrika (Tunesien bis Marokko), Europa (Portugal bis Griechenland und im Norden Litauen) sowie Gebiete im Iran. In Deutschland existieren nur noch wenige Bestände im Nordosten. Es wird davon ausgegangen, dass es keine natürlichen Vorkommen mehr in Südwestdeutschland – Hessen, Oberschwaben und Bodensee – gibt. Das Vorkommen einzelner Exemplare dort wird jedoch nicht ausgeschlossen.
Die Gebiete in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in denen die Europäische Sumpfschildkröte zu Hause ist, sind abgelegen und für Menschen eher schlecht zugänglich. Die Gewässer – Altarme, Weiher, Seen und langsam fließende Flussabschnitte – werden nur besiedelt, wenn sie eine reiche Vegetation im Wasser und am Ufer, sich schnell erwärmende Flachwasserbereiche und sonnige Uferabschnitte haben.
Da die Europäische Sumpfschildkröte sich meist nicht mehr als etwa 1.000 Meter von ihrem Wohngewässer entfernt, müssen Eiablageplätze, die zum Graben geeignet sind, und Überwinterungsmöglichkeiten in der Nähe sein.
Sie gilt als anspruchsloser Nahrungsgeneralist und frisst, was ihr gerade zur Verfügung steht. In erster Linie sind das Würmer, Wasserschnecken, Muscheln, Fische, Molche und Frösche sowie deren Larven und Laich. Gelegentlich nimmt sie auch pflanzliche Kost zu sich. Egal, was sie frisst, sie muss es im Wasser fressen, da sie außerhalb des Wassers nicht schlucken kann.
Lebensweise und Fortpflanzung
Die Winterruhe der Europäischen Sumpfschildkröten endet in Mitteleuropa meist Ende März. Danach sind sie bis September aktiv und paaren sich. Zwischen Ende Mai und Juli vergraben die Weibchen dann bis zu 20 Eier, dafür suchen sie sonnige und trockene Flächen auf, z. B. Binnendünen oder Waldränder. Drei Monate später schlüpfen die Jungen und machen sich auf den Weg in das nächstgelegene Gewässer. Hungrig verschlingen sie hier alles, was sie erwischen – nur so können sie in der kurzen Zeit bis zur Winterruhe möglichst große Energiereserven anlegen. Den Winter verbringen sie in der Regel wieder in ihrer Gelegehöhle.
Unabhängig vom Alter sind Europäische Sumpfschildkröten auf sonnige Plätze am und im Wasser angewiesen. Dafür suchen sie gerne Baumstämme oder dickere Äste auf, die teilweise im Wasser liegen – so kann sie jederzeit abtauchen. Wenn sie sich nicht gerade sonnt, verbringt sie hier auch den Großteil ihrer Zeit, da sie nur hier Nahrung findet und verzehrt.
Wie alle Schildkröten können auch Europäische Sumpfschildkröten sehr alt werden. Zwischen 70 bis 100 Jahre sind keine Seltenheit.
Gefährdung und Gefahren
Laut Bundesamt für Naturschutz ist die Europäische Sumpfschildkröte heute in erster Linie durch die Zerstörung ihres Lebensraumes gefährdet. Dazu gehören v. a. Schadstoffe in Gewässern, Trockenlegung von Sümpfen und Feuchtgebieten, Zerstörung der Eiablage- und Sonnenplätze durch Entfernen von Totholz oder Begradigung von Flussläufen, Forst- und Landwirtschaft, eine zunehmende Freizeitnutzung der Gebiete, Fischerei (Beifang) sowie Verletzung oder Tötung von Tieren während ihrer Wanderungen durch Fahrzeuge oder Mähwerkzeuge.
Zumindest der Artenschutz wurde mittlerweile angepasst: Laut Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gilt die Europäische Sumpfschildkröte innerhalb der EU u.a. als „Tierart von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen“. Auch in Deutschland gilt sie nach dem Bundesnaturschutzgesetz als besonders und streng geschützte Art. Damit ist jede Störung und Beeinträchtigung ihrer Lebensräume strikt verboten.
Trotz ihres dicken Rückenpanzers hat die Europäische Sumpfschildkröte einige Fressfeinde. An erster Stelle ist hier laut dem Landesamt für Umwelt Brandenburg der Waschbär zu nennen, der Schildkrötenpanzer knacken, Eiablageplätze aufspüren und Gelege erbeuten kann. Aber auch der Marderhund, Mink, Fuchs, Dachs und Schwarzwild können ihr gefährlich werden.