Bartgeier – Ausflug in den hohen Norden
Bartgeier Vinzenz hat eine lange Reise hinter sich. Nachdem er 2024 in Berchtesgaden ausgewildert worden war, machte er sich im Frühjahr auf in nördlichere Gefilde. Mitte Juni wurde er in der Nähe von Oldenburg wieder eingefangen – nach einem spektakulären, über 1.600 Kilometer langen Flug durch Bayern, ganz Westdeutschland und die Niederlande bis an die Nordseeküste. Vinzenz war unversehrt, hatte aber rund zehn Prozent seines Körpergewichts verloren und musste zunächst in einer Auffangstation wieder aufgepäppelt werden. Danach konnte er wieder in seine Heimat zurückkehren.
Vinzenz ist Teil eines Auswilderungsprojekts vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V. (LBV) in Kooperation mit dem Nationalpark Berchtesgaden. Seit 2021 werden hier über einen Zeitraum von zehn Jahren jährlich zwei bis drei junge Bartgeier ausgewildert, damit sich die ehemals ausgerotteten Vögel wieder in Bayern ansiedeln.
Merkmale
Der struppige Kinnbart beider Geschlechter gab dem Bartgeier (lateinisch: Gypaetus barbatus) einst seinen Namen. Im Alpengebiet wurde er auch als Gold-, Berg-, Gemsen-, Joch- oder Steingeier bezeichnet. Im 19. Jahrhundert nannte man ihn sogar Lämmer- oder Kindergeier, da man ihn unberechtigterweise bezichtigte, diese zu stehlen. Erst viel später wurde bekannt, dass er ein reiner - und somit völlig ungefährlicher - Aasfresser ist.
Mit einer Körpergröße von bis zu 110 cm und einer Flügelspannweite von bis zu 290 cm gehören Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Sie überragen damit sogar den Steinadler und sind laut „Spiegel“ größer als ein Schulbus. Sie wiegen maximal sieben Kilogramm und können laut NABU auch mit wenig Aufwind kilometerweite Strecken segeln.
Schwanz, Rücken und Flügel sind grauschwarz, an Kopf, Hals und Unterseite befindet sich orange-rötliches Gefieder. Die Augen sind gelb und rot umrandet, über den Augen befindet sich ein schwarzer Streifen.
Lebensraum
Die imposanten Vögel sind an vielen Orten auf der Welt zuhause, u. a. in Nordafrika, Spanien (Pyrenäen), Italien, den Alpen und Zentralasien. Sie bevorzugen dabei felsiges, offenes Gebirge oberhalb der Baumgrenze und bleiben ganzjährig in ihrem Revier, das idealerweise große Höhenunterschiede, Schluchten und steile Felswände zum Brüten sowie eine gute Thermik für kräftesparendes Fliegen aufweist.
Aufgrund seines schlechten Rufs wurde der Bartgeier im 19. und 20. Jahrhundert stark bejagt und galt im Alpenraum als ausgerottet. In Deutschland wurde das letzte Exemplar laut LBV im Jahr 1879 bei Berchtesgaden erschossen. Im Jahr 1986 wurde im österreichischen Alpenraum mit Wiederansiedlungen begonnen, die bis heute andauern und in mehreren Ländern Europas ausgeweitet werden. Seitdem fliegen immer wieder einzelne Tiere durch die Bayerischen Alpen. Hier wurden 2021 schließlich die ersten beiden Jungtiere „Bavaria“ und „Wally“ ausgewildert.
Nahrung
Bartgeier fressen ausschließlich Aas und Knochen. Letztere nehmen etwa 85 Prozent seiner Nahrung ein und enthalten reichhaltiges Protein, Fett und viele Mineralien; damit ist die Konkurrenz zu anderen Greifvögeln ausgeschlossen. Nur im Mittelmeerraum nehmen sie auch lebende Landschildkröten an, die sie aus großer Höhe herunterfallen lassen um den Panzer zu knacken.
Ähnlich gehen sie mit zu großen Knochen vor: Bis zu 25 cm große und 3 cm dicke Knochen können sie verschlingen, während sie größere Exemplare greifen, damit hoch in die Luft fliegen und ihn gegen Felsen schmettern. Das trug ihm einst den Spitznamen „Knochenbrecher“ ein.
Um Knochen verdauen zu können, hat der Bartgeier eine extrem starke Magensäure – der ph-Wert von 0,7 ähnelt Batteriesäure. Allerdings enthalten Knochen keinerlei Flüssigkeit, weshalb die Vögel eine Frischwasserquelle zum Trinken in ihrer Nähe benötigen. Diese suchen sie übrigens auch zum Baden auf: In so genannten Rotbadestellen, die eisenoxidhaltigen Schlamm enthalten, färben sie ihr helles Bauchgefieder rot-braun. Warum sie das tun, ist jedoch bis heute nicht hundertprozentig geklärt.
Lebensweise und Fortpflanzung
Bartgeier werden mit bis zu 45 Jahren sehr alt, sind jedoch erst nach fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif. Die Paarungszeit liegt im November und Dezember; ab Herbst beginnen die künftigen Eltern das Nest (auch Horst genannt) mit Schafwolle, Gamshaaren, Gras und Ästen auszupolstern. Die bis zu drei Meter breiten und zwei Meter hohen Nester legen sie geschützt in Felsnischen an.
Zwischen Dezember und Februar werden die Eier abgelegt und danach 52 bis 58 Tage ausgebrütet. Bartgeier legen zwar zwei Eier, es überlebt jedoch immer nur ein Jungtier. Das stärkere drängt das schwächere aus dem Nest oder frisst es manchmal sogar, das zweite Ei ist lediglich eine Art Absicherung, falls dem anderen Jungtier etwas zustoßen sollte. Der Nachwuchs schlüpft in etwa zeitgleich mit der Schneeschmelze, wenn zahlreiche Kadaver von im Winter umgekommenen Wildtieren freigelegt werden. So ist ausreichend Nahrung für die ganze Familie vorhanden. Zu Beginn füttern Eltern ihre Küken mit Fleisch aus Aas, der Anteil an Knochen wird nach und nach erhöht.
Mit etwa vier Monaten verlassen die Jungtiere erstmals das Nest. Sie bleiben noch einige Wochen bis Monate dort, brechen aber immer wieder eigenständig zu Ausflügen auf. Die Eltern leben monogam und bleiben ihr ganzes Leben lang zusammen.
Gefährdung und Gefahren
Weiterhin gelten Bartgeier als potenziell gefährdet, da es ohne das Wiederansiedlungsprojekt in Berchtesgaden in Deutschland aktuell keine Bestände gibt. Zwischen 2021 und 2025 wurden dort bisher zehn Exemplare ausgewildert. Insgesamt wurden in den Alpen seit den 1970er Jahren über 200 Bartgeier wieder angesiedelt, die sich hier auch fortpflanzten. Die Population ist jedoch noch immer überschaubar, Monitoring und Schutzmaßnahmen sind zwingend notwendig.
Als eine der größten Gefahren gilt Bleimunition bei der Jagd von Wildtieren: Der Bartgeier frisst die Kadaver der Wildtiere und nimmt die enthaltenden Bleipartikel so mit auf. Es droht eine Vergiftung, an der die Tiere sterben können. Experten fordern daher die Verwendung von bleifreier Munition bei der Jagd.