Können Hund, Katze & Co. die Uhr lesen?

Weit hinten, hinter den Wortbergen, fern der Länder Vokalien und Konsonantien leben die Blindtexte. Abgeschieden wohnen sie in Buchstabhausen an der Küste des Semantik, eines großen Sprachozeans.

Ein kleines Bächlein namens Duden fließt durch ihren Ort und versorgt sie mit den nötigen Regelialien.

Es ist ein paradiesmatisches Land, in dem einem gebratene Satzteile in den Mund fliegen. Nicht einmal von der allmächtigen Interpunktion werden die Blindtexte beherrscht – ein geradezu unorthographisches Leben. Eines Tages aber beschloß eine kleine Zeile Blindtext, ihr Name war Lorem Ipsum, hinaus zu gehen in die weite Grammatik. Der große Oxmox riet ihr davon ab, da es dort wimmele von bösen Kommata, wilden Fragezeichen und hinterhältigen Semikoli, doch das Blindtextchen ließ sich nicht beirren.

Es packte seine sieben Versalien, schob sich sein Initial in den Gürtel und machte sich auf den Weg. Als es die ersten Hügel des Kursivgebirges erklommen hatte, warf es einen letzten Blick zurück auf die Skyline seiner Heimatstadt Buchstabhausen, die Headline von Alphabetdorf und die Subline seiner eigenen Straße, der Zeilengasse. Wehmütig lief ihm eine rhetorische Frage über die Wange, dann setzte es seinen Weg fort. Unterwegs traf es eine Copy.

Die Copy warnte das Blindtextchen, da, wo sie herkäme wäre sie zigmal umgeschrieben worden und alles, was von ihrem Ursprung noch übrig wäre, sei das Wort "und" und das Blindtextchen solle umkehren und wieder in sein eigenes, sicheres Land zurückkehren. Doch alles Gutzureden konnte es nicht überzeugen und so dauerte es nicht lange, bis ihm ein paar heimtückische Werbetexter auflauerten, es mit Longe und Parole betrunken machten und es dann in ihre Agentur schleppten, wo sie es für ihre Projekte wieder und wieder mißbrauchten. Und wenn es nicht umgeschrieben wurde, dann benutzen Sie es immernoch.

Wartende Katze am Fenster
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Viele Haustierbesitzer, besonders von Hunden und Katzen, kennen das Szenario: Sie kommen von der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause und ihr „Liebling“ wartet bereits hinter der Tür oder blickt von der Fensterbank nach draußen, dem Herrchen oder Frauchen entgegen. Dabei kommt sicherlich bei jedem einmal der Gedanke auf: „Kann mein Haustier eigentlich die Uhr lesen? Wie weiß es, dass ich jetzt nach Hause komme?“ Fragen, die auch die Wissenschaft seit längerer Zeit beschäftigen – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Die innere Uhr
Dem deutschen Biologen Dr. Mario Ludwig zufolge, ist unter anderem der „suprachiasmatische Nukleus“, ein Nervenknoten im Gehirn, für das Zeitgefühl von Tieren verantwortlich. Dieser Nervenknoten verarbeitet äußere Einflüsse wie Licht und sendet diese Informationen an andere Gehirnregionen, die daraufhin Nervenreize oder Hormone in den Körper leiten. Unter anderem das „Schlafhormon“ Melatonin, welches vermehrt bei Dunkelheit produziert wird. Dies steuert die Aktivitäts- und Ruhephasen der Tiere. Diese biologische Uhr ist besonders auffällig bei Kanarienvögeln und Sittichen zu beobachten. Die sonst sehr lautstarken und aktiven Vögel werden ruhig, sobald man ein Tuch über ihren Käfig legt – selbst mitten am Tag.

Über die biologische Uhr hinaus, sind Haustiere wie Hunde und Katzen auch in der Lage, Lichtverhältnisse (unterschiedliche Sonnenstände) und Töne mit Gewohnheiten zu verknüpfen. Wenn zum Beispiel morgens der Wecker klingelt oder die Kaffeemaschine läuft, wissen Mieze und Bello, dass es sehr wahrscheinlich bald Zeit für das eigene Frühstück ist.

Die Uhr lesen mit der Nase?
Hunde besitzen zudem die erstaunliche Fähigkeit, durch ihren außergewöhnlich guten Geruchssinn Zeitunterschiede wahrzunehmen. Nach Aussagen verschiedener Experten, wie der Schweizer Hundetrainerin und Tierpsychologin Cinzia Lo Giusto, sowie Alexandra Horowitz, Wissenschaftlerin und Professorin an der Columbia University, können Hunde etwa über die Intensität des menschlichen Geruchs feststellen, ob eine Person erst vor kurzem gegangen, oder schon über einen längeren Zeitraum nicht mehr vor Ort ist. Unterstrichen wird dies durch die Rhen/Keeling-Studie aus dem Jahr 2011. Die beiden schwedischen Forscherinnen Therese Rhen und Linda Keeling haben festgestellt, dass Hunde – je nach Dauer der Abwesenheit des Besitzers – bei dessen Rückkehr ein anderes Verhalten an den Tag legen. Die Studie zeigte klar, dass die Hunde nach zwei Stunden etwa viel mehr mit dem Schwanz wedelten und das Gesicht der Probanden ableckten als nach 30 Minuten.

Die „virtual door step“-Studie
Einen weiteren wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Tiere eine Zeitwahrnehmung haben, erbrachten die Wissenschaftler der Northwestern University, Illinois, mit ihrer „virtual door step“-Studie aus dem Jahr 2018. Diese zeigt, dass Tiere die Zeit sogar autark wahrnehmen können, das heißt, ohne Abhängigkeit zu anderen Geschehnissen. Dafür wurden Experimente mit Mäusen durchgeführt (aus Tierschutz-Sicht durchaus bedenklich), bei dem sie auf einem Laufband durch eine Virtual-Reality-Umgebung (einen virtuellen Flur) laufen mussten, um an ihre Belohnung zu gelangen. Auf halber Strecke befand sich jedoch eine virtuelle Tür, die sich erst nach sechs Sekunden öffnete. Anschließend wurde die Umgebung verändert – ohne Tür. Das erstaunliche Ergebnis: Die Mäuse hielten an der gleichen Stelle, wo vorher die Tür stand, an und warteten exakt sechs Sekunden, bevor sie weitergingen.

Dem Forscher Daniel Dombeck (Teil des Wissenschaftsteams) von der Cornell University zufolge, sind die neu entdeckten „Zeitmesszellen“ der Grund für dieses Ergebnis. Diese Zellen sind beim Warten nicht nur aktiv, sie entschlüsseln auch, wie lange das Tier wartet. Eine Forschungsresultat, das die Sicht auf die Zeitwahrnehmung von Tieren verändert.

Fazit
Tiere schauen zwar nicht wie wir auf die Uhr und wissen: „Es ist halb sechs, jetzt müsste mein Mensch jeden Moment von der Arbeit kommen“, aber sie besitzen die Fähigkeit, auf verschiedene Weise zeitliche Abstände zu messen.

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